Simone Venturini siegt im ersten Wahlgang

Bürgermeisterwahl in Venedig 2026: Simone Venturini siegt im ersten Wahlgang – Das große Paradoxon der Altstadt-Venezianer

Die Würfel in der Lagunenstadt sind gefallen: Venedig hat gewählt und setzt auf Kontinuität. Nach der Stimmenauszählung steht fest, dass es im Juni zu keiner Stichwahl kommen wird. Der bisherige Tourismus- und Sozialstadtrat Simone Venturini hat sich für das Mitte-Rechts-Bündnis mit rund 53 % der Stimmen bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit gesichert. Er tritt damit die direkte Nachfolge von Luigi Brugnaro an und wird einer der jüngsten Bürgermeister in der Geschichte der Stadt.

Während sein stärkster Herausforderer Andrea Martella vom Mitte-Links-Bündnis mit circa 37,5 % das Nachsehen hat, offenbart der Blick auf die nackten Zahlen der Wahlbeteiligung ein tiefes, fast schon tragisches Paradoxon, das die Zukunft Venedigs spaltet.

Das Venedig-Paradoxon: Lauter Protest, leere Wahlurnen

Es ist das beherrschende Thema in den Bars rund um den Markusplatz, in Cannaregio oder auf Murano: Die verbliebenen Bewohner der historischen Altstadt (Venezia Insulare) klagen lautstark über die aktuelle Politik. Die Kritikpunkte sind seit Jahren dieselben: Der unkontrollierte Massentourismus, die Einführung der umstrittenen Eintrittsgebühr, der akute Mangel an bezahlbarem Wohnraum und das Gefühl, dass die Stadtverwaltung ohnehin nur noch die Interessen des wirtschaftlich dominanten Festlands vertritt. Die Altstädter fühlen sich von der Politik übergangen und „vom Festland aus regiert“.

Doch genau hier zeigt sich das große Paradoxon dieser Wahl: Obwohl der Ärger in der Altstadt am größten ist, war die Bereitschaft, das politische Schicksal mitzubestimmen, dort am geringsten.

Während auf dem Festland die Mobilisierung funktionierte, blieben die Wahllokale in den historischen Vierteln auffallend leer:

  • Mestre-Carpenedo (Festland): 57,85 % Wahlbeteiligung
  • Venezia-Murano-Burano (Altstadt & Inseln): Nur 53,96 % Wahlbeteiligung

Dieses Gefälle von rund vier Prozentpunkten zeigt: Ausgerechnet jene Bürger, deren Alltag am stärksten von den Entscheidungen über Tourismusströme und Kreuzfahrtschiffe betroffen ist, machten am seltensten von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Die Ursachen: Zwischen Demografie und tiefer Resignation

Experten und Lokalbeobachter führen diese Diskrepanz auf zwei wesentliche Faktoren zurück:

  1. Die demografische Überalterung: Die Altstadt blutet seit Jahrzehnten aus. Junge Familien ziehen aufgrund der astronomischen Immobilienpreise systematisch aufs Festland nach Mestre oder Marghera. Zurück bleibt eine tendenziell ältere Bevölkerung, für die der oft beschwerliche Gang zu den Wahllokalen über Brücken und Kanäle eine reale Barriere darstellt.
  2. Chronische Politikverdrossenheit: Unter den verbliebenen Altstadt-Venezianern hat sich eine tiefe Resignation breitgemacht. Viele haben den Glauben verloren, dass ein Wechsel im Rathaus – egal aus welchem politischen Lager – die mächtige Tourismusmaschinerie überhaupt noch stoppen kann. Dieser gefühlte Machtverlust führt nicht zu politischem Aufbegehren, sondern zu einem Rückzug ins Private.

Gesamtergebnis und Trend zur Wahlmüdigkeit

Die historisch niedrige Beteiligung in der Altstadt zog auch den Gesamtschnitt der Gemeinde nach unten. Die finale Wahlbeteiligung lag stadtweit bei 55,87 %. Von den über 201.000 Wahlberechtigten gingen nur knapp 112.700 an die Urnen.

Der Abwärtstrend im Vergleich zu den Kommunalwahlen 2020, als die Beteiligung noch bei 62,34 % lag, hat sich damit drastisch verschärft.

Region / MunicipalitàWahlbeteiligung 2026Charakteristik
Mestre-Carpenedo57,85 %Höchste Beteiligung, Fokus auf Festlandsthemen
Chirignago-Zelarino56,98 %Stabiles Festlandsquartier
Venezia-Murano-Burano53,96 %Historische Altstadt, hohe Unzufriedenheit
Lido-Pellestrina53,26 %Niedrigste Beteiligung (Inzellage)
GESAMT VENEDIG55,87 %Deutlicher Rückgang zu 2020 (62,34 %)

Fazit für die kommenden Jahre

Simone Venturini übernimmt ein Venedig, das geografisch und emotional tief gespalten bleibt. Während das Festland ihm den Einzug ins Rathaus im ersten Durchgang ebnete, verharrt die Altstadt in einer Mischung aus lautem Protest und stiller Wahlverweigerung. Für den neuen Bürgermeister wird die größte Herausforderung der kommenden Jahre nicht nur das Management der Touristenströme sein, sondern das Vertrauen jener Bürger zurückzugewinnen, die am vergangenen Wochenende lieber zu Hause geblieben sind.

Schreibe einen Kommentar

Tickets