Wilde Szenen in Venedig: Britische YouTuber gehen auf Taschendieb-Jagd – Situation eskaliert
Rote Farbe, Pfefferspray, fliegende Gegenstände und handfeste Auseinandersetzungen mitten zwischen Touristen: In Venedig ist die Jagd britischer YouTuber auf mutmaßliche Taschendiebe völlig eskaliert. Videos der Aktionen verbreiten sich inzwischen international in den sozialen Netzwerken. Polizei und Carabinieri mussten mehrfach eingreifen.
Die Szenen wirken teilweise wie aus einem Actionfilm. Doch sie spielten sich rund um Ferragosto mitten in Venedig ab – an Orten, an denen sich täglich Tausende Urlauber bewegen.
Eine Gruppe britischer YouTuber zog mit Kameras, Wasserpistolen und rotem Farbspray durch die Stadt. Ihr erklärtes Ziel: mutmaßliche Taschendiebe und andere Personen, die Touristen bestehlen oder betrügen sollen, aufzuspüren und öffentlich bloßzustellen.
Was als Jagd auf Pickpockets begann, entwickelte sich an mehreren Stellen zu heftigen Auseinandersetzungen.
Rote Farbe gegen mutmaßliche Taschendiebe
Bei den Männern handelt es sich laut italienischen Medien um britische YouTuber aus dem Umfeld von DJE Media. Zu ihnen gehört der als „Mervin“ bekannte Videomacher.
Ausgerüstet mit Kameras, Smartphones und teilweise am Körper getragenen Kameras bewegte sich die Gruppe durch bekannte Brennpunkte Venedigs.
Dabei blieb es allerdings nicht beim Filmen.
Die YouTuber verwendeten mit übelriechender Flüssigkeit gefüllte Wasserpistolen und rotes Farbspray, mit dem sie Personen besprühten, die sie für Taschendiebe hielten.
Genau hier beginnt das große Problem der Aktion: Die YouTuber entscheiden selbst, wen sie für einen Täter halten. Laut italienischer Berichterstattung kann nicht ausgeschlossen werden, dass dabei auch Personen ins Visier gerieten, die mit Taschendiebstählen überhaupt nichts zu tun hatten.
Video zeigt heftige Auseinandersetzungen
Die im Internet veröffentlichten Aufnahmen zeigen, wie schnell die Situation eskalierte.
Es kommt zu Rangeleien und körperlichen Auseinandersetzungen. Gegenstände fliegen durch die Luft, Menschen schreien sich an und verfolgen sich gegenseitig.
Auch Pfefferspray kommt zum Einsatz.
In den Berichten ist von geworfenen Steinen und Stühlen die Rede. Selbst Kinderwagen und Regenschirme sollen bei den Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt haben.
Die teilweise chaotischen Szenen ereigneten sich nicht irgendwo außerhalb der Touristenströme, sondern an einigen der meistbesuchten Orte Venedigs.
Von Piazzale Roma bis Rialto und San Marco
Die britische Gruppe zog offenbar gezielt durch jene Bereiche, die aufgrund der großen Menschenmengen auch bei Taschendieben beliebt sind.
Dazu gehörten unter anderem:
Piazzale Roma, San Basilio, Rialto, die Accademia, San Marco und der Bereich beim Anleger des Krankenhauses.
Neben mutmaßlichen Taschendieben nahmen die YouTuber auch andere bekannte Betrugsmaschen ins Visier. Dazu gehörten unter anderem illegale Straßenverkäufer, Personen, die Touristen ungefragt Armbänder anbieten, sowie Betreiber illegaler Hütchenspiele.
Besonders heftig sollen die Auseinandersetzungen am Piazzale Roma gewesen sein.
Dort richteten die YouTuber ihre Wasserpistolen gegen eine Gruppe mutmaßlicher Taschendiebe. Daraufhin eskalierte die Situation. Laut italienischer Berichterstattung wurden unter anderem Steine geworfen.
Polizei und Carabinieri müssen eingreifen
Die Aktionen blieben den Sicherheitsbehörden nicht verborgen.
Polizia Locale und Carabinieri mussten mehrfach eingreifen, um die Situationen unter Kontrolle zu bringen und eine weitere Eskalation zu verhindern.
Dabei wurden laut Medienberichten nicht nur mutmaßliche Taschendiebe identifiziert.
Auch die britischen YouTuber selbst wurden von den Behörden kontrolliert und identifiziert.
Denn so nachvollziehbar der Ärger über Taschendiebstähle in Venedig sein mag: Privatpersonen dürfen nicht selbst die Rolle der Polizei übernehmen.
Genau darauf weist auch der Chef der venezianischen Polizia Locale, Marco Agostini, hin.
Seine Botschaft ist eindeutig: Die Anwendung von Gewalt ist Aufgabe der zuständigen Behörden. Aktionen wie jene der YouTuber würden das Problem nicht lösen, sondern könnten die Situation zusätzlich verschärfen.
Und genau diese Eskalationsspirale ist in den Videos zu beobachten: Die YouTuber setzen Wasser und Farbspray ein, die Gegenseite reagiert unter anderem mit Pfefferspray und Gegenständen – und innerhalb kürzester Zeit entsteht eine gefährliche Situation mitten in einer Menschenmenge.
„Der gewalttätigste Ort, an dem wir je waren“
Die YouTuber veröffentlichten ihre Aufnahmen anschließend auf internationalen Social-Media-Plattformen.
Unter einer Aufnahme einer körperlichen Auseinandersetzung bezeichneten sie Venedig sinngemäß als den gewalttätigsten Ort, an dem sie jemals gewesen seien.
Die Videos erzielen inzwischen hohe Reichweiten.
Damit stellt sich allerdings eine grundsätzliche Frage: Wo endet Dokumentation und wo beginnt eine gezielt für Social Media provozierte Eskalation?
Denn die britische Gruppe beobachtete die mutmaßlichen Taschendiebe nicht nur und warnte mögliche Opfer. Durch das Besprühen und direkte Konfrontieren griffen die Männer selbst aktiv in die Situation ein.
Taschendiebstahl bleibt reales Problem in Venedig
Bei aller Kritik an den Aktionen der YouTuber darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, das zugrunde liegende Problem existiere nicht.
Taschendiebstähle sind in Venedig ein reales und seit Jahren bekanntes Problem.
Besonders gefährdet sind Orte mit großem Gedränge. Dazu gehören beispielsweise die Bereiche rund um den Bahnhof Santa Lucia und Piazzale Roma, stark frequentierte Vaporetto-Anleger sowie touristische Brennpunkte rund um Rialto und San Marco.
Die venezianischen Sicherheitsbehörden gehen regelmäßig gegen Diebstahl und andere gegen Touristen gerichtete Delikte vor.
Erst Mitte August veröffentlichte die Questura erneut Hinweise, wie sich Besucher besser vor Taschendieben schützen können. Ein besonders einfacher Rat: In Menschenmengen die Hand auf Reißverschluss beziehungsweise Öffnung von Tasche oder Rucksack legen.
„Attenzione Pickpocket“ – Monica Poli ebenfalls in den Videos
In den aktuellen Aufnahmen ist auch Monica Poli zu sehen.
Sie wurde durch ihren mittlerweile weltweit bekannten Warnruf „Attenzione, borseggiatrici! Attenzione, pickpocket!“ bekannt und warnt seit Jahren Besucher vor mutmaßlichen Taschendieben.
Poli distanziert sich jedoch von Gewalt.
Gegenüber italienischen Medien bezeichnete sie die Entwicklung als äußerst besorgniserregend und erklärte, inzwischen selbst große Angst vor bestimmten Gruppen zu haben.
Dass solche Konfrontationen gefährlich werden können, weiß sie aus eigener Erfahrung: Bereits 2024 wurde Poli bei einer Auseinandersetzung mit zwei mutmaßlichen Taschendiebinnen mit Pfefferspray attackiert und geschlagen. Die beiden Frauen wurden anschließend von der Polizei angezeigt.
Selbstjustiz ist keine Lösung
Die Videos treffen zweifellos einen Nerv.
Wer selbst schon bestohlen wurde oder beobachtet hat, wie Touristen in Venedig ausgeraubt werden, dürfte den Frust nachvollziehen können. Entsprechend groß ist in sozialen Netzwerken teilweise die Zustimmung für Menschen, die Taschendiebe öffentlich zur Rede stellen.
Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Warnen und Dokumentieren auf der einen und dem aktiven Angreifen oder Besprühen vermeintlicher Täter auf der anderen Seite.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Für Außenstehende ist anhand kurzer Videosequenzen nicht immer zweifelsfrei feststellbar, ob eine beschuldigte Person tatsächlich gerade einen Diebstahl begangen hat.
Wer selbst eingreift, riskiert deshalb nicht nur eine gewaltsame Eskalation, sondern möglicherweise auch die Konfrontation mit einer unschuldigen Person.
Was Touristen bei einem Taschendiebstahl tun sollten
Wer in Venedig einen Taschendiebstahl beobachtet oder selbst betroffen ist, sollte sich nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung einlassen.
Stattdessen sollten Polizei oder andere Sicherheitskräfte verständigt werden.
Besonders in Menschenansammlungen empfiehlt es sich, Wertsachen körpernah und verschlossen aufzubewahren. Smartphones und Geldbörsen gehören nicht in leicht zugängliche Außentaschen. Bei Gedränge an Vaporetto-Anlegern, auf Brücken oder in engen Gassen ist besondere Aufmerksamkeit sinnvoll.
Und wer einen mutmaßlichen Diebstahl beobachtet, kann andere Menschen warnen – sollte die Verfolgung und Feststellung der Täter aber den Sicherheitsbehörden überlassen.
Spektakuläre Videos – aber ein gefährliches Spiel
Die aktuellen Aufnahmen aus Venedig zeigen zwei Probleme gleichzeitig.
Auf der einen Seite steht der seit Jahren bestehende Ärger über Taschendiebstähle und Betrugsmaschen, von denen gerade Besucher der Stadt betroffen sein können.
Auf der anderen Seite zeigt sich, was passieren kann, wenn Social-Media-Akteure selbst Jagd auf mutmaßliche Täter machen.
Aus einer Konfrontation mit Wasser und roter Farbe wird Pfefferspray. Dann fliegen Gegenstände. Menschen geraten körperlich aneinander – mitten zwischen Urlaubern.
Der Chef der venezianischen Polizia Locale bringt das grundsätzliche Problem auf den Punkt: Solche Aktionen helfen den Sicherheitsbehörden nicht bei ihrer Arbeit, sondern machen eine ohnehin schwierige Situation noch komplizierter.
Stand: 19. August 2026



