Tödlicher Arbeitsunfall bei Fincantieri in Marghera: 34-Jähriger vermutlich durch Sauerstoffmangel gestorben
Ein tödlicher Arbeitsunfall auf der Fincantieri-Werft in Porto Marghera sorgt für große Betroffenheit und wirft ernste Fragen zur Arbeitssicherheit auf. Der 34-jährige Marius Valentin Hurba starb am 4. November während Arbeiten an einem im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff. Zunächst war von einem plötzlichen medizinischen Notfall die Rede. Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass Argon in einem engen Arbeitsbereich den Sauerstoff verdrängte. Drei weitere Arbeiter erlitten gesundheitliche Probleme. Nach dem Unglück legten zahlreiche Beschäftigte bei einem ganztägigen Streik die Arbeit nieder. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Der Unfall ereignete sich am Mittwoch, 4. November 2026, gegen 11 Uhr auf dem Gelände der Fincantieri-Werft in Marghera.
Marius Valentin Hurba, ein 34-jähriger Arbeiter rumänischer Herkunft, arbeitete an Bord der noch im Bau befindlichen Seven Seas Prestige.
Hurba war nicht direkt bei Fincantieri beschäftigt, sondern arbeitete für ein Unternehmen innerhalb der komplexen Kette von Auftragnehmern und Subunternehmern auf der Werft.
Während Schweißarbeiten in einem engen Bereich des Schiffes brach der Mann zusammen.
Trotz der eingeleiteten Rettungsmaßnahmen konnte sein Leben nicht mehr gerettet werden.
Zunächst war von einem plötzlichen „Unwohlsein“ die Rede
Unmittelbar nach dem Unfall war die Situation noch völlig unklar.
Erste Meldungen sprachen davon, dass der Arbeiter plötzlich einen medizinischen Notfall erlitten habe.
Doch schon bald entstanden Zweifel an dieser ersten Darstellung.
Mehrere Kollegen, die dem Mann zu Hilfe kamen, klagten ebenfalls über gesundheitliche Beschwerden.
Drei weitere Arbeiter mussten medizinisch behandelt werden.
Einer von ihnen, ein etwa 50-jähriger Mann, wurde ins Ospedale dell’Angelo nach Mestre gebracht. Nach den zuletzt veröffentlichten Informationen bestand keine Lebensgefahr mehr.
Dass mehrere Menschen nahezu gleichzeitig Beschwerden entwickelten, lenkte die Ermittlungen schnell auf die Luftqualität innerhalb des Arbeitsbereichs.
Feuerwehr rückte mit Spezialisten für chemische Gefahren an
Neben Rettungsdienst und Arbeitsinspektoren rückten auch die Feuerwehr und Spezialisten der NBCR-Einheit an.
Die Abkürzung steht für nukleare, biologische, chemische und radiologische Gefahren.
Die Einsatzkräfte untersuchten die Atmosphäre im betroffenen Bereich des Schiffes.
Gleichzeitig nahmen Mitarbeiter des SPISAL der ULSS 3 Serenissima Ermittlungen zur Arbeitssicherheit auf.
Die betroffene Zone wurde unter gerichtliche Beschlagnahme gestellt.
Auch die Arbeiten wurden zunächst unterbrochen.
Argon gilt als wahrscheinliche Ursache
Einen Tag später änderte sich das Bild deutlich.
Nach einem Treffen zwischen Fincantieri, Betriebsvertretern und Gewerkschaften teilten Fim Cisl, Fiom Cgil und Uilm mit, dass der Tod des Arbeiters sehr wahrscheinlich durch Argon und den dadurch verursachten Sauerstoffmangel ausgelöst wurde.
Hurba hatte Schweißarbeiten in einem engen beziehungsweise geschlossenen Bereich des Schiffes durchgeführt.
Argon kommt beim Schweißen häufig als Schutzgas zum Einsatz.
Das Gas selbst gilt nicht als klassisches Gift.
Die eigentliche Gefahr entsteht auf andere Weise.
Warum Argon in geschlossenen Räumen so gefährlich ist
Argon ist ein sogenanntes Inertgas.
Es reagiert chemisch nur sehr wenig und eignet sich deshalb hervorragend als Schutzgas beim Schweißen.
In geschlossenen oder schlecht belüfteten Räumen kann Argon allerdings die normale Atemluft verdrängen.
Sinkt dadurch der Sauerstoffgehalt, entsteht eine lebensgefährliche Situation.
Besonders heimtückisch ist dabei, dass Menschen Sauerstoffmangel nicht zuverlässig riechen oder schmecken können.
Bei stark abgesenktem Sauerstoffgehalt können Bewusstlosigkeit und Tod innerhalb sehr kurzer Zeit eintreten.
Genau deshalb gelten für Arbeiten mit solchen Gasen in engen Räumen besonders strenge Sicherheitsvorschriften.
Offenbar kein Sauerstoffsensor getragen
Nach den Informationen, die Fincantieri den Gewerkschaften mitgeteilt haben soll, trug Hurba offenbar kein persönliches Messgerät, das vor einem gefährlichen Sauerstoffmangel hätte warnen können.
Gerade bei Arbeiten in engen Bereichen sind solche Geräte von besonderer Bedeutung.
Sie messen laufend die Sauerstoffkonzentration und schlagen Alarm, wenn der Wert unter einen sicheren Bereich fällt.
Ob und warum der Arbeiter kein entsprechendes Gerät trug, gehört nun zu den zentralen Fragen der Ermittlungen.
Arbeitsbereich offenbar gar nicht freigegeben
Noch gravierender ist ein weiterer Punkt.
Nach Angaben der Gewerkschaften fehlte offenbar die notwendige Freigabe für die Arbeiten in genau diesem Bereich.
Der zuständige Verantwortliche soll den Beginn der Arbeiten noch nicht genehmigt haben.
Trotzdem seien die Arbeiten aufgenommen worden.
Die Gewerkschaften berichten außerdem, dass bereits am Tag vor dem tödlichen Unfall auf nicht regelkonformes Verhalten hingewiesen worden sei.
Sollten sich diese Angaben im Rahmen der strafrechtlichen Ermittlungen bestätigen, dürfte die Frage nach organisatorischer Verantwortung eine zentrale Rolle spielen.
Gewerkschaften: Arbeiten trotz fehlender Genehmigung begonnen
Fim, Fiom und Uilm gehen noch weiter.
Nach ihrer Darstellung war die Arbeit an einen Subunternehmer vergeben worden.
Dieser soll die Tätigkeit begonnen haben, obwohl die entsprechende Freigabe noch nicht vorlag.
Die Gewerkschaften verlangen deshalb eine vollständige Aufklärung.
Dabei geht es nicht nur um einzelne Handlungen unmittelbar vor dem Unfall.
Sie wollen auch geklärt wissen, ob organisatorische Probleme innerhalb der komplexen Auftrags- und Subunternehmerstruktur zum Unglück beigetragen haben könnten.
Staatsanwaltschaft untersucht Verantwortlichkeiten
Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen.
Dabei muss geklärt werden, wie sich das Argon im Arbeitsbereich ausbreitete, ob die Belüftung ausreichend funktionierte und welche Messungen vor Beginn der Arbeiten vorgenommen wurden.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob die erforderlichen Genehmigungen vorlagen und welche Sicherheitsausrüstung vorgeschrieben war.
Bis zum Abschluss dieser Untersuchungen darf niemandem eine strafrechtliche Verantwortung zugeschrieben werden.
Die bisher bekannten Informationen werfen allerdings erhebliche Fragen auf.
Die Seven Seas Prestige steht im Mittelpunkt der Ermittlungen
Der Unfall ereignete sich an Bord der Seven Seas Prestige, einem neuen Luxuskreuzfahrtschiff.
Das Schiff befindet sich in Marghera in der letzten Bauphase.
Nach bisherigen Planungen sollte es Anfang Dezember übergeben werden.
Der betroffene Bereich des Schiffes wurde nach dem Unfall für die Ermittlungen beschlagnahmt.
Damit könnte das Unglück auch Auswirkungen auf den weiteren Zeitplan haben.
Im Mittelpunkt steht derzeit jedoch die Aufklärung des Todesfalls.
Ganztägiger Streik am Freitag
Am Freitag, 6. November, legten zahlreiche Beschäftigte der Fincantieri-Werft in Marghera die Arbeit nieder.
Fim, Fiom und Uilm hatten einen achtstündigen Streik ausgerufen.
Nach Berichten italienischer Medien war die Beteiligung sowohl unter direkt bei Fincantieri beschäftigten Mitarbeitern als auch unter Beschäftigten von Fremdfirmen hoch.
Zusätzlich wurde für Samstag und Sonntag ein Stopp der Überstunden angekündigt.
Die Gewerkschaften wollten damit ein deutliches Zeichen für mehr Arbeitssicherheit setzen.
Rund 5.000 Menschen arbeiten auf der Werft
Die Dimension der Werft macht gleichzeitig deutlich, wie komplex die Organisation in Marghera ist.
Nach Angaben von Rai arbeiten dort ungefähr 5.000 Menschen.
Nur rund 1.200 davon sind direkt bei Fincantieri beschäftigt.
Die übrigen Mitarbeiter gehören zu mehreren hundert Auftragnehmern und Subunternehmen.
Gerade diese Struktur steht nach dem tödlichen Unfall erneut in der Kritik.
Gewerkschaften argumentieren seit Langem, dass zahlreiche verschiedene Unternehmen auf demselben Gelände die Kontrolle von Ausbildung, Sicherheitsstandards und Arbeitsabläufen erheblich erschweren können.
Subunternehmer geraten erneut in den Mittelpunkt
Marius Hurba arbeitete selbst innerhalb einer solchen Subunternehmerstruktur.
Damit erhält eine seit Jahren geführte Diskussion neue Brisanz.
Große Werften vergeben zahlreiche spezialisierte Arbeiten an externe Unternehmen.
Das ist im Schiffbau üblich.
Problematisch wird das System jedoch dann, wenn sich Verantwortlichkeiten über mehrere Ebenen verteilen.
Wer kontrolliert die Ausbildung?
Wer überprüft die Schutzkleidung?
Wer gibt einen Arbeitsbereich frei?
Wer stellt sicher, dass alle Mitarbeiter über dieselben Sicherheitsinformationen verfügen?
Und wer stoppt die Arbeiten, wenn Regeln nicht eingehalten werden?
Genau diese Fragen stehen nach dem Tod des 34-Jährigen erneut im Raum.
Gewerkschaften fordern mehr Kontrollen
Die Gewerkschaften verlangen neben der Aufklärung des konkreten Unfalls auch strukturelle Konsequenzen.
Fiom, Fim und Uilm fordern unter anderem eine stärkere Kontrolle der Auftragnehmer und Subunternehmer.
Auch die Ausstattung der zuständigen Arbeitsschutzbehörden spielt in der Diskussion eine Rolle.
Vertreter der Gewerkschaften kritisieren, dass dem SPISAL für umfassende Kontrollen zu wenig Personal zur Verfügung stehe.
Nach ihrer Auffassung müssten Kontrollen entlang der gesamten Auftragskette verstärkt werden.
Tod des Arbeiters erreicht auch die Politik
Der Unfall beschäftigt inzwischen nicht mehr nur Werft und Gewerkschaften.
Auch auf kommunaler und nationaler Ebene wurden Fragen zur Arbeitssicherheit gestellt.
Im italienischen Senat wurde der Fall bereits in einer parlamentarischen Anfrage aufgegriffen.
Darin geht es unter anderem um die Frage, ob Kontrollen in Werften und bei Arbeiten in engen Räumen verstärkt werden müssen.
Auch die hohe Zahl der Beschäftigten bei Fremdfirmen wird ausdrücklich thematisiert.
Arbeiten in engen Räumen gelten als besonders gefährlich
Der Unfall zeigt, warum sogenannte „confined spaces“ zu den besonders gefährlichen Arbeitsbereichen gehören.
Dazu zählen beispielsweise Tanks, Schächte, technische Kammern oder schwer zugängliche Bereiche innerhalb eines Schiffes.
Dort können sich Gase sammeln.
Gleichzeitig ist die natürliche Belüftung häufig eingeschränkt.
Wenn Sauerstoff verdrängt wird, kann eine Situation entstehen, die für den Betroffenen zunächst kaum wahrnehmbar ist.
Deshalb sind vor dem Betreten solcher Räume Messungen, Freigaben, Überwachung und Notfallpläne von entscheidender Bedeutung.
Auch Retter können in Gefahr geraten
Der Fall in Marghera zeigt eine weitere typische Gefahr.
Wer einen bewusstlosen Kollegen in einem engen Raum sieht, versucht instinktiv zu helfen.
Doch wenn Sauerstoffmangel die Ursache ist, kann auch der Retter innerhalb weniger Sekunden selbst zusammenbrechen.
Dass nach dem Unfall mehrere Kollegen gesundheitliche Beschwerden entwickelten, unterstreicht dieses Risiko.
Deshalb sehen Sicherheitskonzepte für geschlossene Räume besondere Rettungsverfahren vor.
Mehrere tödliche Unfälle innerhalb der Fincantieri-Gruppe
Der Tod in Marghera ist kein isoliertes Ereignis innerhalb des italienischen Schiffbaus.
Erst wenige Wochen zuvor waren bei einem Unfall auf der Fincantieri-Werft in Ancona zwei Arbeiter ums Leben gekommen.
Auch andere Standorte waren 2026 von schweren beziehungsweise tödlichen Arbeitsunfällen betroffen.
Die Gewerkschaften sprechen deshalb von einer Entwicklung, die dringend Konsequenzen erfordere.
Bei der exakten Zahl der Todesfälle innerhalb der gesamten Fincantieri-Gruppe gibt es derzeit unterschiedliche Angaben aus verschiedenen Quellen und unterschiedliche Zählweisen.
Fest steht jedoch: Mehrere tödliche Arbeitsunfälle innerhalb kurzer Zeit haben die Diskussion über die Sicherheitsstandards erheblich verschärft.
Fincantieri und Gewerkschaften beraten weiter
Nach dem Unfall fanden mehrere Gespräche zwischen Unternehmensvertretern, Betriebsräten und Sicherheitsvertretern statt.
Dabei ging es sowohl um den konkreten Ablauf als auch um mögliche Verbesserungen.
Die Gewerkschaften fordern einen dauerhaften Dialog über die Arbeitssicherheit.
Aus ihrer Sicht reicht es nicht, erst nach einem schweren Unfall zu reagieren.
Sicherheitsmaßnahmen müssten jeden Tag und bei jedem Auftragnehmer gelten.
Ein Todesfall, der viele offene Fragen hinterlässt
Noch sind längst nicht alle Umstände geklärt.
Die entscheidenden Fragen lauten:
Warum wurde in dem betreffenden Bereich gearbeitet?
War der Arbeitsbereich ausreichend belüftet?
Wurde vor Beginn die Sauerstoffkonzentration kontrolliert?
Warum trug der Arbeiter offenbar keinen persönlichen Sauerstoffsensor?
Wer hätte die Arbeiten freigeben müssen?
Und warum wurden sie möglicherweise trotzdem begonnen?
Antworten darauf können letztlich nur die laufenden Ermittlungen liefern.
Nicht von „Argonvergiftung“ sprechen
Auch bei der Berichterstattung ist eine sprachliche Unterscheidung wichtig.
Eine Formulierung wie „Argonvergiftung“ trifft den bekannten Sachverhalt nicht präzise.
Argon ist nicht im klassischen Sinne giftig.
Die wahrscheinliche Todesursache ist vielmehr Erstickung beziehungsweise schwerer Sauerstoffmangel, weil Argon die Atemluft verdrängt haben könnte.
Diese Unterscheidung ist nicht nur technisch korrekt.
Sie erklärt auch, warum ein Gas, das im Schiffbau alltäglich eingesetzt wird, unter bestimmten Bedingungen tödlich sein kann.
Trauer und Forderung nach Aufklärung
Für die Kollegen von Marius Valentin Hurba steht hinter allen technischen und organisatorischen Fragen zunächst der Tod eines Menschen.
Der 34-Jährige kam zur Arbeit und kehrte nicht mehr nach Hause zurück.
Die Gewerkschaften haben der Familie ihr Beileid ausgesprochen und verlangen eine lückenlose Aufklärung.
Der Streik vom Freitag sollte genau diese Forderung sichtbar machen.
Arbeitnehmer wollen wissen, ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre und welche Konsequenzen daraus gezogen werden.
Ermittlungen müssen nun klären, was wirklich geschah
Nach aktuellem Stand spricht vieles dafür, dass ein gefährlicher Sauerstoffmangel durch Argon eine zentrale Rolle spielte.
Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass Sicherheitsvorgaben nicht vollständig eingehalten wurden.
Doch die endgültige Rekonstruktion liegt bei SPISAL, Polizei und Staatsanwaltschaft.
Erst deren Ermittlungen können feststellen, wer für welche Entscheidungen verantwortlich war.
Bis dahin gilt es, zwischen gesicherten Informationen und den bisherigen Angaben von Unternehmen und Gewerkschaften zu unterscheiden.
Fest steht bereits jetzt:
Der Tod von Marius Valentin Hurba hat eine neue Diskussion über Arbeitssicherheit, Fremdfirmen und die komplexe Kette von Aufträgen und Subaufträgen auf einer der größten Werften der Region ausgelöst.
Für die Beschäftigten von Fincantieri in Marghera wurde aus dieser Diskussion am Freitag ein deutlich sichtbarer Protest: Die Werft stand für einen Tag weitgehend still.
Stand: 7. November 2026